Reinigung der Stolpersteine

Eine Gruppe des OV Viernheim vor der Apostelkirche

Am 1. November 2026 trafen sich Mitglieder der Viernheimer Grünen, um die Stolpersteine in Viernheim zu reinigen. Eine Aktion, die wir seit Jahren pflegen.

Stolpersteine sind ein wichtiges Mittel die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus aktuell zu halten. Zu keiner Zeit dürfen wir vergessen, welche Schrecken das Regime der Nationalisten innerhalb unseres Landes und darüberhinaus verursacht haben.

Die Reinigung der Stolpersteine reiht sich in eine Reihe von Tätigkeiten der Viernheimer Grünen ein, wie Zeitungsartikel und den Walk & Talk am 17.10.2026.


Dabei führte unser Mitglied Helmut Träger eine Gruppe interessierter Viernheimer an wichtige Orte der Stadtgeschichte. Ergänzt durch Erzählungen von Ilse Mandel und Gabrialla Römmelt. Es gab viele Viernheimer, die den Gehorsam gegenüber der nationalsozialistischen Obrigkeit verweigerten oder mit kleinen Aktionen das Leben der Opfer zumindest etwas verbesserten.

Das vollständige Manuskript des Rundgangs kann im Folgenden nachgelesen werden, Bilder des Rundgangs sind am Ende zu finden.

„Wie Viernheimer den Nazis widerstanden haben“

1. Station: Rathaus

Nachdem die Nazis den amtierenden Bürgermeister Jean Lambert abgesetzt hatten, war es ihnen nicht möglich, einen Viernheimer für dieses Amt zu finden. Auch für den Vorsitz der NSDAP- Ortsgruppe fand sich niemand, der in ihr Bild passte. Adam Winkenbach, der das Amt inne hatte, war Viehhändler und tätigte weiterhin Geschäfte mit Juden. Das erregte Missfallen und führte zu seiner Abberufung. Sein Nachfolger war kein Viernheimer Bürger.

2. Station: St. Aposteln

Pfarrer Wolf, der in St. Aposteln tätig war, wurde 1936 zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er den Schulkindern sagte, sie dürften ruhig „Grüß Gott“ anstatt „Heil Hitler“ sagen. Darüber hinaus äußerte er Zweifel darüber, ob Hitler vor Gottes Angesicht nicht doch zu den Verdammten zählen werde. Diese Äußerungen erzählten die Mädchen ihrer BdM- Führerin, die ihrerseits Meldung machte, was den Pfarrer vor Gericht brachte. Auch gegen Kapläne gab es Ermittlungen, weil sie angeblich die Kanzel missbraucht hätten.

3. Station: Kettelerstraße

Gingen am Sonntag die Gottesdienst- Besucher nach Hause durch die Kettelerstraße, so kamen sie am Bauamt vorbei. Hier hatte sich die SA mit ihren Fahnen aufgestellt und erwartete von den Vorbeigehenden den Hitler-Gruß. Etliche von ihnen verweigerten ihn aber, was für manche unangenehme Konsequenzen hatte. Die katholisch geprägten Viernheimer waren von solchen Aktionen wenig begeistert.

4. Station: Ignaz Riehl

war erster Beigeordneter und vertrat den Bürgermeister. Als der Mainzer Bischof Albert Stohr zu Besuch in die Apostelkirche kam, warteten viele Katholiken vor dem Eingang und bildeten ein Spalier. Einige SS- Männer in Zivil hatten sich ebenfalls unter die Menge gemischt. Riehl erkannte sie und fürchtete, ihr erscheinen könnte als Provokation aufgefasst werden. Daher sprach er sie an und schickte sie weg, ansonsten würde er die Polizei holen. Anschließend ging er in die Kirche. Über den Vorfall machten die SS-Männer ihren Oberen Meldung. Ignaz Riehl wurde daraufhin als Erster Beigeordneter abgesetzt und aus der Partei ausgeschlossen.

5. Station Margarete und Johann Eufinger

In der Schule hatte man den Kindern gesagt, bei den jüdischen Geschäften dürfe man jetzt einfach Sachen holen, die haben möchte. Das hat manche Eltern zu Hause misstrauisch werden lassen. Sie hatten gelernt, dass man niemandem etwas einfach wegnehmen darf. Und so hat meine Großmutter ihren beiden Töchtern verboten, sich an der Plünderung zu beteiligen. „Da geht ihr nicht hin!“

Großvater Johann, Lackierer bei Daimler Benz in Mannheim, wurde von einem polnischen Zwangsarbeiter angesprochen: „Unsere Männer sind krank. Ich bin Apotheker. Können Sie mir Zwiebeln mitbringen?“ Es war streng verboten, Umgang mit Zwangsarbeitern zu haben. Zuwiderhandlungen wurden mit Gefängnis oder Zuchthaus bestraft. Nichtsdestotrotz hat er dem Mann Zwiebeln besorgt und sie im verabredeten Versteck heimlich abgelegt.

1944 sollte er beim Volkssturm antreten. Dies verweigerte er aber, weil er zur Arbeit müsse. Sein Neffe war mit 18 eingezogen worden und in Frankreich gefallen. Der erboste Blockwart meinte, „ den haben wir gekriegt und ihr seid die nächsten, die drankommen“.

6. Station: Ilse Mandel

erzählt von ihren Schwiegereltern Maria und Willi, beide zeitweise inhaftiert, weil sie der KPD angehörten. Maria brachte ein Kind im Gefängnis zur Welt. Aufgrund eines Witzes über Hitler kam sie dorthin. Wieder in Freiheit, arbeitete sie aktiv in der Roten Hilfe, welche die Familien von inhaftierten Personen in der gesamten Region unterstützte. Sie schrieb und verteilte Flugblätter. Zum Glück fand die Gestapo ihre Schreibmaschine nicht. Sie wurde vergraben und tauchte erst nach Kriegsende wieder auf.

Nachbar Samuel Schmitt hat als junger Mann den Hitler-Gruß verweigert und ging dann weg nach Holland. Wegen seines Vornamens wurde er oft für ein Jude gehalten, obwohl er einer evangelischen Religionsgemeinschaft angehörte.

Später wurde er inhaftiert und ins Lager Gurs/ Frankreich verschleppt. Dort konnte er fliehen und in die Schweiz gelangen, wo er längere Zeit als Künstler lebte. Er ist in Viernheim begraben. Seiner Familie gehört das Haus Ecke Friedrich-Str/Lorscher Straße.

7. Station. TSV-Stadion

Von den über 1000 Zwangsarbeitern in Viernheim waren etwas mehr als 100 in den Baracken auf dem Sportplatz an der Lorscher Straße untergebracht. Sie arbeiteten alle bei MWM in Mannheim. In französischen Quellen ist dies erwähnt. Dort steht auch, dass sie in Viernheim vergleichsweise gut behandelt wurden. Beispielsweise von Dr. med Carlos Günther im St. Josefs- Krankenhaus.

Andere Zwangsarbeiter mussten bei Bauern und Geschäftsleuten arbeiteten. Annette Wilke-Hanf konnte berichten, dass ihr Onkel Philipp Bergmann bis lange nach dem Krieg mit jungen Niederländern befreundet war, die in der Bäckerei Helfrich eingesetzt waren.

8. Station: Mühle Deeg

Die Mühle Deeg, erbaut im 18.Jahrhundert, stellte zuerst Malz für die umliegenden Brauereien her. Später wurde es eine Brauerei und eine Gaststätte, das Hessische Haus. Dort gründete sich der Turnverein TV 1893. 1923 kaufte Johann Deeg die Brauerei und baute diese in eine Roggen- und Weizenmühle um. In und unter der Mühle Deeg (jetzt Wohnungsanlage mit blauem Dach) waren die Bunker die Luftschutzschule. Ca. 5000 Männer und Frauen wurden dort bis Kriegsausbruch ausgebildet. Herr Deeg hatte während des Krieges um den Betrieb aufrecht zu halten, polnische Zwangsarbeiter in der Mühle. Seine Söhne und seine Arbeiter waren im Krieg. Es wurden von der SS immer wieder Kontrollen in der Mühle durchgeführt. An einem Tag kamen Sie in das Haus und alle, auch die Zwangsarbeiter, saßen zusammen am Tisch und aßen. Das war verboten. Herr Deeg weigerte sich die Zwangsarbeiter vor die Tür zu bringen. Er sagte: „ die Leute arbeiten für uns, dann essen sie auch mit uns.“ Er wurde von der SS  mitgenommen. 2 Tage später kam er wieder frei. Seine beiden Söhne waren im Krieg an der Ostfront, das rettete ihm vor dem Gefängnis.

9. Station: Franz Haas

wohnte in der Seegartenstraße und war später Amtmann in der Stadtverwaltung von Viernheim. Franz Haas stieg an dem Tag, als sich die US- Amerikanische Armee auf Viernheim zu bewegte, mit einigen Freunden auf den Turm der St. Apostel- Kirche um weiße Fahnen dort herauszuhängen. Damit sollte gezeigt werden, dass sich Viernheim ergeben werde. Ein solches Unternehmen war lebensgefährlich. Niemand konnte sicher sein, ob nicht doch irgendwo Heckenschützen der Nazis versteckt waren, die bis zur letzten Patrone kämpfen wollten, selbst wenn die Lage aussichtslos war. Auch in der Kettelerstrasse waren Tags zuvor noch Straßensperren errichtet worden. Anwohner hatten sie heimlich beiseite geschafft. Die Viernheimer SS- Leute hatten sich längst aus dem Staub gemacht, Richtung Österreich.

So blieb Viernheim verschont am Ende des Krieges. Am 27. März wurden deshalb in den Kirchen Dankgottesdienste abgehalten, viele Jahre lang.