E10 – eine Lüge, die von besseren Lösungen ablenkt!
Eingestellt von: Grüne Viernheim am April 24th, 2011
In Aktuell
Beim Thema E10 ist zu sehen, dass heute es für die Politiker in Berlin nicht mehr so einfach ist den Bürgern etwas vorzusetzen, was nur auf den ersten Blich eine Verbesserung zu sein scheint. In der Praxis hat sich gezeigt, wie unvorbereitet sowohl Politik als auch Autohersteller bei der Einführung des „Biosprits“ waren. Die Autohersteller veränderten mehrmals ihre Listen der freigegebenen Pkw-Modelle, Autoverkäufer und Experten für Technik raten weiterhin ab und die Politiker waren wieder mal sprachlos ob der unerwarteten Selbständigkeit der Bürger. Die Kraftstoffanbieter haben das Beste für sich draus gemacht und das alte „normale“ Super klammheimlich von den Zapfsäulen verschwinden lassen und hebeln damit die Bestandsschutzregelung (Verpflichtung E5 anzubieten) aus. D.h. sie bieten nur noch Super Plus an, wenn auch an manchen Zapfsäulen „Super“ steht; im Zweifelsfall ist die Gleichheit am identischen Preis erkennbar. Gleichzeitig glänzen auch sie mit einem schwachen Projektmanagement, da die Nachlieferung des Super-Kraftstoffs mit der Nachfrage nicht Schritt hielt, sprich immer wieder Tankstellen ausverkauft waren. Umweltminister Norbert Röttgen forderte die Ölkonzerne schon im März dazu auf wieder echtes und billigeres Super E5 anzubieten. Haben Sie eine Wirkung gesehen?
Selbst wenn die Schonung der Erdölressourcen und die Pflicht von mindestens 35 Prozent weniger Treibhausgasen bei der Erzeugung von Bio-Ethanol gegenüber Kraftstoff aus Erdöl für E10 sprechen, gibt es gewichtige Gründe dagegen, die in der oberflächlichen Diskussion kaum beachtet werden.
1. Kraftstoffe aus Pflanzenrohstoffen sind nicht per se klimaschonend, da in den Vergleichen mit Erdöl oft nur die CO2-Erzeugung durch die Verbrennung berücksichtigt wird. Die hinzu kommenden Mengen durch Landnutzungsänderung, Anbau und Verarbeitung lassen die Bilanz deutlich schlechter aussehen. Eine aktuelle Studie des Institute for European Environmental Policy belegt: Importierte Kraftstoffe aus Pflanzenrohstoffen sind unter Einbeziehung der genannten Faktoren bis zu 167 Prozent klimaschädlicher als der herkömmliche Kraftstoff aus Erdöl, den sie ersetzen sollen.
2. Nahrungsmittelpreise stagnieren oder fallen sogar, daher fällt es der Kraftstoffindustrie leicht die Bauern zu überreden, in der Zukunft lukrativere Energiepflanzen für Ethanol und Biodiesel anzubauen.
3. In Deutschland wird Bio-Ethanol fast ausschließlich aus Getreide (66 Prozent) und Zuckerrüben (33 Prozent) erzeugt. Da in den letzten Jahren kaum Überschüsse an Getreide produziert wurden, deutet sich eine starke Umstrukturierung der Landwirtschaft an. Dadurch würde der Anbau von unserer Nahrung zwangsläufig noch mehr ins Ausland verdrängt und die Energiebilanz von E10 enorm verschlechtert. Außerdem geht es gegen das sinnvolle und energiesparende Ziel der regionalen Versorgung.
4. Bis 2020 möchte die EU 10 Prozent Biospritanteil erreichen. Diese angestrebte Menge an pflanzlichen Kraftstoffen kann nicht nachhaltig erzeugt werden. Den meisten Politikern und Verbrauchern dürfte es egal sein, ob Ethanol aus Bio- oder konventionellem Getreide gewonnen wird. Eine weitere Möglichkeit die Bio-Landwirtschaft (30 - 50 Prozent weniger Rohölverbrauch) auszubremsen.
5. Die ähnlich ehrgeizigen Ziele von USA und China könnten die Preise für Getreide, Mais und Soja langfristig steigen erheblich steigen lassen, weshalb Grundnahrungsmittel in Industrie- und Entwicklungsländern sich ebenfalls verteuern.
6. Die derzeitigen Methoden der pflanzlichen Kraftstoff-Produktion basieren auf Monokulturen, sie erfordern eine große Menge Pestizide, Düngemittel, Wasser und Diesel und sie setzen in der Regel gentechnisch veränderte Organismen (GVO) ein. Die Raffinerien sind zentralisiert und machen lange Transportwege erforderlich.
7. In Malaysia und Indonesien fallen täglich Zehntausende Hektar an Regenwald für die Palmöl-Produktion. In Brasilien geschieht das gleiche für den Anbau von Zuckerrohr. Dadurch fallen ökologische Ressourcen weg, die klimafreundlicher sind als die neuen Plantagen.
8. Die Konzerne, die in diesen und anderen Staaten die pflanzlichen Rohstoffe anbauen, treten Menschenrechte und den Naturschutz mit Füßen. Trotz angeblicher Zertifizierung finden Enteignung, illegale Abholzungen, Bedrohung, Vertreibung, Gewalt und Mord an Menschen, die sich gegen den Diebstahl und die Zerstörung ihres Landes wehren sowie die Verseuchung von Gewässern und die Vernichtung wichtiger ökologischer Nischen statt.
9. Biomasse darf daher nur dann als Energieträger eingesetzt werden, wenn sie sozial und ökologisch nachhaltig produziert wird sowie nachweislich zu einem deutlich niedrigeren CO2-Ausstoß führt – vor allem im Ausland. Biomasse darf nicht auf Flächen angebaut werden, die bisher der Produktion von Futter- und Lebensmitteln dienen oder wertvolle Ökosysteme wie Regenwälder sind.
10. Die Bemühungen um die Ausweitung der Bio-Ethanol-Produktion stehen über jenen zur Energieeinsparung. Damit wird an unserem verschwenderischen Lebensstil und Energieverbrauch festgehalten. Erinnerung: Nordamerika und Europa verbrauchen 63% des weltweiten Mineralöls und 40% der verfügbaren Nahrungskalorien und das bei einem Anteil von nur 16% der Weltbevölkerung!
11. Es gibt wesentlich effektivere Maßnahmen, um Erdöl und CO2 einzusparen. Die Automobilindustrie ist schon lange fähig das 1-l-Auto zu bauen. Gleichsam verweigert sie aus selbstsüchtigen Gründen die Einführung neuer Motortypen mit wesentlich höheren Wirkungsgraden.
12. Ein Tempolimit von 120 km/h würde dreimal so viel CO2 einsparen als die Umstellung von E5- auf E10-Sprit.
Solche einfachen und ökologisch wesentlich vorteilhafteren Maßnahmen gibt es noch eine Reihe mehr.
Wollen Sie, dass es vielleicht einmal heißt: Essen oder Tanken?
Michael Göhner
Bündnis 90/Die Grünen
Viernheim

