"Dorf trifft Stadt“ – Überlegungen zu einem alten Thema
Eingestellt von: Thomas Klauder am Juli 2nd, 2011
In Aktuell
Anfang Februar wurde der offene landschaftsplanerische Wettbewerb zur Neugestaltung der Innenstadt entschieden, an dem sich renommierte internationale Landschaftsarchitekten beteiligt hatten. Es gab zwei zweite Plätze, einen Dritten und drei Ankäufe, allesamt kreative, ästhetische und zeitgemäße Konzepte. Ende Januar konnten sie im Kunsthaus als Modelle von der Öffentlichkeit bestaunt werden.
Heute sprechen wir über einen Baubeginn noch in diesem Jahr. Viele Details sind noch zu diskutieren und zu entscheiden, eine wahre Fülle an offenen Fragen, die zu erörtern hier weder die geeignete Plattform noch genügend Raum ist. Das Thema Innenstadt berührt die Menschen tief und die Leidenschaften entfalten sich, wenn es zur Diskussion dieser Angelegenheit kommt. Also lassen wir unsere Gedanken ohne zu bewerten um Themen kreisen, die Viernheim bewegen, so lange ich mich erinnern kann.
Die Nostalgie: Sie lässt langvergessene Bilder wieder erscheinen, vom warmen Ton des roten Sandsteins auf dem Apostelplatz, von den schönen alten Gemäuern, die dem Geist der 70er zum Opfer fielen; Rathaus und Ratskeller, das Haus Schöning… Auch die Selbstverständlichkeit, mit der die Dinge und Angelegenheiten des täglichen Lebens vorwiegend „in der Stadt“ beschafft, ausgetauscht und beraten wurden.
Die Realität: „Es ist wie es ist“ lautet der Titel eines großartigen Gedichts von Erich Fried über die Liebe. Viernheims Innenstadt schmiegt sich nicht an sanfte Hügel und einen mittelalterlichen Kern im heutigen Verständnis gab es wohl nie. Sie ist also wie sie ist.
Die Ökonomie: Hart schlägt sie zu! Aber sie klärt die Dinge auf ihre eigene Art. Alle Wehmut nützt nichts, wenn die Kräfte des Marktes außerhalb der Stadtmauern stärker wirken. Wer es schafft, durch besondere Qualität seine Kundschaft zu überzeugen und zu binden, der behauptet seinen Platz in der Innenstadt erfolgreich. Dafür gibt es wunderbare Beispiele. Wer auf spontane Laufkundschaft, auf schiere Frequenz, auf Menge und Beliebigkeit setzt, der kann gegen die Wettbewerbsvorteile der Anbieter in der Peripherie nicht bestehen.
Die Ökonomie der Öffentlichen Hand: Finanztöpfe und organisatorische Prozesse dominieren hier wirtschaftliches Handeln. Kann man Geld (vom Bund, Land oder der EU) bekommen, muss man es nehmen. Anders zu handeln wäre im Tagesgeschäft unklug. Es kann aber nicht umgewidmet werden, es ist meist zweckgebunden. Die Vorgehensweisen des öffentlichen Finanzwesens sind auf Langfristigkeit ausgelegt, anders als es manchmal die Erfordernisse der Realität für die Kommunalpolitik und die lokale Wirtschaft sind. Der Gesunde Menschenverstand ist die eine Seite, die Machbarkeit leider eine andere. Jedoch eines bleibt: Auch die Stadt Viernheim muss einen nicht unerheblichen Beitrag leisten, groß genug, um die Frage der Sinnhaftigkeit einer solchen Maßnahme in prekärer Finanzlage zu stellen. Müssen etwa weitere Kredite zur Finanzierung aufgenommen werden? Könnte man auch für kleines Geld ein wenig ausbessern? Eine spannende Diskussion…
Die Ökologie und die Technik: Versiegelt ist die Innenstadt, vielmehr ihre Oberfläche. Wer ein Haus besitzt und in diesen Tagen Post von den Stadtwerken – mit Bitte um Antwort - bekommen hat, weiß spätestens jetzt, dass es gut ist, wenn Regenwasser versickern kann. So soll es auch in der Innenstadt endlich wieder seinen Weg in den reinigenden und speichernden Untergrund nehmen können – und vielleicht dazu beitragen, die Zahl der gefluteten Keller beim nächsten Starkregen zu reduzieren.
Dorf und Stadt: Viernheim ist beides und darin liegt die Herausforderung. Wir wollten und wollen das Urbane, die Vielfalt, die Bequemlichkeit – wir haben es bekommen und es ist gut. Wir wollen aber auch das Dörfliche, das ideale Bild vom überschaubaren Raum, in dem man sich bewegt und begegnet. Wo man sich kennt und kennen lernen kann. Wo man einfach gerne hingeht. Hier gibt es noch viel zu tun, und die notwendige Sanierung möge Ihren Teil dazu beitragen. Wir wünschen allen Entscheidungsträgern die nötige Bedachtsamkeit und Weitsicht, vor und während der Ausführung der Arbeiten und bei der sinnvollen Verwendung der Mittel. Und wir wünschen uns allen ein gutes Ergebnis, dem Gewerbe förderlich, der Umwelt verträglich - und den Menschen eine Bereicherung.
Thomas Klauder – Parteivorsitzender Bündnis90/Die Grünen Viernheim

