Die Mitte ist Grün
Eingestellt von: Grüne Viernheim am August 6th, 2011
In Aktuell
Beitrag der GRÜNEN im “Podium” des Viernheimer Tageblattes / Leserforum des Südhesssen Morgen am 06. August 2011
Die Mitte ist Grün!
Liebe Leser/innen
die Politik hat Sommerpause, auch wenn der Sommer dieses Mal keiner ist. Vorteil: der Kopf bleibt kühl und einigermaßen leistungsfähig. Eine gute Gelegenheit, die Gedanken ohne die Anspannung des Tagesgeschäfts frei fliegen zu lassen. Also darf ich Sie heute einladen zu einer politischen Standortbestimmung der anderen Art, zu einem Spiel mit Farben und Werten, mit Augenzwinkern und ein wenig Ironie.
Vor 1980 war ganz klar: rund 90% der Wähler wählten die „Mitte“, das waren CDU/CSU und SPD, je nach Ideologie, Familientradition, Konfession oder momentaner Gestimmtheit – manche auch nach aktuellen Inhalten. Alle fühlten sich als „bürgerlich“ in der „Mitte“. Die FDP war dort auch. Alle anderen waren suspekt und gefährlich.
Interessant aber war: „Konservativ“, stand für die CDU, konservativ bedeutete auch wirtschaftsnah. Komischerweise liebte die Wirtschaft aber schon immer den Fortschritt, denn ohne Fortschritt kein Wachstum, aber „konservativ“ heißt „bewahrend“. Das Gegenteil davon, nämlich „fortschrittlich“ wird mit „progressiv“ übersetzt, und war wiederum ein Attribut der „Roten“… Hm.. komisch. Die Roten wollten soziale Gerechtigkeit und Frieden bewahren, empfanden den Gedanken aber nicht als konservativ. Die gesellschaftlichen Werte der Roten waren denen der Christen ziemlich nah, dennoch führten die anderen das „C“ im Namen… noch seltsamer … Die Gelben waren auch konservativ, kümmerten sich aber hauptsächlich um die Optimierung ihrer Einkommen. Aber alle waren schön bürgerlich in der „Mitte“.
In den 80ern kamen die Grünen und wollten Frieden, Naturschutz, sozialen Ausgleich und Nachhaltigkeit. Das fanden alle anderen gar nicht wie „Mitte“, eher wie „Außenseiter“. Die progressiven Roten wurden in den 2000er Jahren auch wirtschaftlich sehr fortschrittlich und konnten plötzlich mit der Wirtschaft besser als die konservativen Schwarzen. Ein grüner Außenminister demonstrierte der staunenden Öffentlichkeit, wie man sich gekonnt auf internationaler Bühne bewegt. Später sorgten bürgerliche Parteien sehr effektiv für das weitere Schwinden der gesellschaftlichen Mittelklasse, Armut wächst stark, Reichtum auch – nur nicht bei so vielen…. Wo ist die Mitte, die Bürgerlichkeit?
2010-11: Deepwater Horizon verseucht den Golf von Mexiko und zeigt uns wieder, wie wenig wir unsere Technik wirklich im Griff haben. Die Bürgerliche Mitte empört sich über Stuttgart21 öffentlich, so heftig wie man es früher eher den Randgruppen zugetraut hätte. In Baden Württemberg wird ein Grüner Ministerpräsident, dessen augenfällige Bürgerlichkeit und „Mittigkeit“ für jeden Konservativen ein Vorbild sein könnte. Ein gelber Außenminister und eine konservative Bundeskanzlerin werden plötzlich über Nacht pazifistisch und brüskieren die westliche Wertegemeinschaft im Fall Libyen, während andere Despoten weiter – ganz konservativ – Waffen bekommen: zur Bewahrung der dortigen bürgerlichen Mitte? Und der Höhepunkt: Fukushima lässt selbst die Schwärzesten ergrünen, der Atomausstieg wird dick schwarz eingefärbt und die Gelben werden ganz blass. Wo ist die Mitte, was ist konservativ, was ist bürgerlich oder progressiv?
Jetzt ernsthaft: Seit der Gründung der Partei ist Nachhaltigkeit unser größtes Anliegen. Nachhaltigkeit bedeutet, dass wir den folgenden Generationen etwas schuldig sind: Energiewirtschaft, die uns nicht unmittelbar bedroht und deren Produktionsabfall nicht über Jahrtausende tödlich bleibt. Zukunftsweisende saubere Technologien, die Beschäftigung und Wachstum sicherstellen ohne unsere Zukunft zu gefährden. Öffentliche Finanzen, deren Zinslast unseren Kindern nicht die Luft zum Atmen nimmt. Reserven, die uns wirtschaftlich flexibel und wettbewerbsfähig machen. Eine Wirtschaftsordnung, die jedem, der willens und fleißig ist, Wohlstand ermöglicht, aber auch dafür sorgt, dass Menschen nicht chancenlos zum gesellschaftlichen Bodensatz werden. Sozialsysteme, die Anreize schaffen zur Teilhabe statt zu diskriminieren. Bildung, die nicht vom Einkommen abhängt. Nahrung, die wir als solche erkennen und schmecken, die gesund ist und fair produziert und gehandelt wird. Liebe Leser, wie sollen wir diese Haltung nennen? Ich nenne sie „konservativ“ im Sinne von Bewahren des Guten! „Bürgerlich“ im Sinne einer Gesellschaft, die stolz lebt und sich fortentwickelt, und für die es sich einzusetzen lohnt!
Die Mitte ist Grün!
Herzlichst
Thomas Klauder

